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2010

 

Nach dem Abschiedsgruß Ihrer Studenten zum Abdank Inge Mahns 2009 aus der Kunsthochschule Weißensee Berlin kam die Künstlerin zum Jahresbeginn 2010 wieder einmal selber zu Wort: „von wegen“ betitelte Inge Mahn ihre dritte Einzelausstellung in der EMERSON Gallery Berlin. Mit einer Rauminszenierung enthüllte Inge Mahn Verhüllungen. Ihre Ausstellung thematisierte die Galerie als Schnittstelle von Öffentlichkeit und Privatsphäre. Als Ort, an dem sich Galeristen und Künstler, indem sie künstlerische Arbeiten anbieten, verstecken und bloßstellen. Mittels Computersteuerung öffnete und schloss sich ein lichtundurchlässiger, grauer Vorhang scheinbar willkürlich und gab mal den Blick auf das Dahinter frei, mal verdeckte es ihn. Und das Dahinter war ein weiterer Vorhang, weiß und etwas transluzid (lichtdurchlässig). Den zweiten Raum der Galerie bestückte die Künstlerin mit klassischen (Akt-) Zeichnungen, die zum Teil noch aus ihrer Ausbildungszeit stammten, sowie einer mit Gips überzogenen Staffeleiskulptur und „Bildern“.

 

 

Im Anschluss wurden erstmals Arbeiten der Berliner Malerin Antje Neppach (* 1963) unter dem Titel „Ecce homo“ (wörtliche Übersetzung aus dem griechischen Urtext: „Siehe, der Mensch“) gezeigt. Ihr Thema war der Umgang der Gesellschaft mit Menschen, die Gewalt erfahren haben, mit ihrer Andersartigkeit und ihren Anomalien, die sowohl in offensichtlicher als auch maskierter Form auftreten können. Die Folge, gänzlich unabhängig von den Ursachen, sind zumeist Ausgrenzung, Außenseitertum und Diskriminierung. Damit knüpft die Galerie thematisch an die Ausstellungen Heike Ruschmeyers an, die ebenfalls in ihren Arbeiten tabuisierte Themen wie Tod und Gewalt bearbeitet. Antje Neppach malt Torsi oder Köpfe von Menschen, deren seelische Wunden, Stigmata und Verletzungen deutlich hervortreten. Außerdem zeigte Neppach eine Serie kleinformatiger Bilder eines toten Vogels. Aus dem christlichen Kontext stammend (vor allem in Bezug auf Darstellungen von Christus als Schmerzensmann), wurde das Ecce-homo-Motiv im 19. und 20. Jahrhundert in seiner Bedeutung erweitert als Bild für das Leiden und die Entwürdigung des Menschen durch Gewalt und Krieg. Antje Neppach geht es um menschliches Leiden an sich. Einfühlsam und mit großer Eindringlichkeit gelingt es der Malerin, dem Leiden psychisch oder physisch versehrter Menschen Ausdruck zu verleihen, ohne sie wie in einer Kuriositätenschau vorzuführen.

 

Danach folgte ein Wiedersehen mit Steingrimur Eyfjörd (*1954 in Reykjavik), dem Fluxuskünstler Islands, der bereits am 4. Sommerfest der internationalen Kunst 2009 teilgenommen hatte. In seiner Einzelausstellung mit dem Titel „OTHERS R US“ präsentierte Steingrimur Eyfjörd, der 2007 auf der 52. Biennale in Venedig den isländischen Pavillon bespielte, konzeptuelle, sozialkritische und von Fluxus inspirierte Kunst als interaktives Kunsterlebnis. Kernstück der Ausstellung war die benutzbare Installation „Orgone-Box“, gefertigt nach der in Vergessenheit geratenen Erfindung des Orgon-Akkumulators von Wilhelm Reich. (Orgon, eine „primordiale kosmische“ Energie, ist durch Jack Kerouacs berühmt berüchtigten Roman „On the Road“ für seine aphrodisierende und berauschende Wirkung bekannt geworden, die jeder „Forscher“ selber testen kann.)

Als weiteres interaktives Kunsterlebnis führte die Arbeit „Target“ den Besucher auf eine vergnügungspark-ähnliche Jagd.

Steingrimur Eyfjörd ist seit den 70er Jahren ein aktiver und kritischer Teilnehmer der isländischen Kunstszene und hat sich dort nicht nur als bildender Künstler, sondern auch als Kurator, Autor und Lehrer einen Namen gemacht. Seine Ausstellungen haben ihn auch über Island und Skandinavien hinaus bekannt gemacht. Eyfjörds Werke bestehen aus vielfältigen Einzelstücken, die sich aus Texten, Zeichnungen, Skulpturen, sowie aus gefundenen Gegenständen zusammensetzen. Dabei ist die Lesbarkeit seiner Kunst stets narrativ, und indem sie ihre Inspiration aus Volksmärchen, Sagen und Religion schöpft, tief in der Geschichte und Mentalität Islands wie auch ganz Europas verwurzelt.

 

Der in Berlin lebende Künstler Marco Goldenstein (* 1968) arbeitet meist themenbezogen und ist auf kein bestimmtes Medium festgelegt. Im Intermezzo XV zeigte der Marco Goldenstein unter dem Titel „BASÖRTÜSÜ“ (türkisch für: „Kopftuch“) erstmals neue Fotomontagen und Malerei in der EMERSON Gallery Berlin. Sein hochaktuelles Thema war die Identität einer kopftuchtragenden Frau.
Je nach Kontext kann das Kopftuch als Teil der Kleidung modischen Zwecken dienen, vor Sonne schützen, aber auch Ausdruck von Trauer oder religiöser Überzeugung sein. Da aber fließende Übergänge zwischen den Funktionen existieren und Elemente beliebig kombinierbar sind, stellt sich die Frage der Eigen- und Fremdzuschreibung, also wer ich bin, bzw. wer ich sein möchte und wie ich wahrgenommen werde. Anders ausgedrückt: Ist eine kopftuchtragende Frau eine echte, selbstbewusste Muslima und das Kopftuch immer gleich mit dem Islam verbunden?
Marco Goldenstein näherte sich diesen Fragen spielerisch, indem er den Kopf einer jungen Türkin mit ihren verschiedenen Kopftüchern fotografierte. Das Kopftuch dieser Portraits wurde herausgefiltert und in einer Fotomontage zusammenfügt. Dem Betrachter zeigte sich ein, scheinbar im Raum schwebendes, ästhetisch anmutendes Spiel aus Stoff, das den verborgenen Körper und die zu ihm gehörende Identität nur erahnen ließ. Befreit von religiösen Zuschreibungen ermöglichte die so entstandene Komposition einen Ausbruch aus der fremdbestimmten Festlegung der Identität. Dieser emanzipatorische Charakter wurde durch die austauschbare Beliebigkeit der Personen verstärkt, die einen anderen Zugang zum Kopftuchtragen, jenseits von religiösen Motiven, eröffneten.

Das fünfte SOMMERFEST DER INTERNATIONALEN KUNST in der Emerson Gallery Berlin widmete sich der Begegnung von Japan und Berlin. Zu der von dem renommierten japanischen Kritiker und Philosoph Kentaro Ichihara kuratierten Ausstellung wurden die neun Künstler Yu Akashi, Akihiko Amano, Misa Funai, Shinya Inoue, Aisuke Kondo, Atsushi Tawa, Mamoru Tsukada, Maki Ueda und Shuhei Yamada aus Japan eingeladen. Im Rahmen der Ausstellung fand am 20. August 2010 ein Vibraphon-Konzert mit El fog / Masayoshi Fujita statt.


Zum Ausklang des Sommerfestes fand am 20. August ein Vibraphonkonzert mit El fog / Masayoshi Fujita statt.
Auch in diesem Jahr setzte die Galerie damit ihr internationales Sommerprogramm fort. Die Künstler der Ausstellung setzten sich auf jeweils sehr unterschiedliche Weise mit der Frage nach der Demarkation zwischen Realität und Illusion auseinander. Sie untersuchten mögliche Grenzverläufe zwischen beiden Bereichen und thematisierten auch das Problem der (Un-) Unterscheidbarkeit zwischen Schein und Wirklichkeit. Video und Fotografie als klassische Medien der Dokumentation schienen daher besonders geeignet, um solche Schwellenbereiche auszuloten. Shuhei Yamada bearbeitete eine schwarzweiße Landschaftsfotografie mit dem Titel „Park“ und ließ nur den Bodenbereich, eine Wiesenlandschaft stehen. Der Bereich über der Horizontlinie war komplett gelöscht und erschien als reine schwarze Fläche. Die Leere ihrerseits wurde zur Projektionsfläche für Illusionen des Betrachters. Akihiko Amano verwendendete in seinen Bildern traditionelle japanische Ornamente als Folie für Schriftzeichen-ähnliche Gebilde, die jedoch nicht lesbar waren. Obwohl der Betrachter nicht versteht, was gezeigt wird, erschafft er in der Betrachtung der Darstellungen eigene Vorstellungen und Lesarten. Die Illusion erzeugt gewissermaßen zwangsweise eine neue Realität.
Atsushi Tawas setzte in seiner Installation „My Private Altar“ (Mein persönlicher Altar) eine Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Relativität von Zeit fort. Die Zeitachse wurde dabei veranschaulicht durch eine Reihe bunter Spielzeugzahnräder, die an Laufwerke mechanischer Uhren denken ließen. Atsushi Tawa inszenierte ein altarähnliches Denkmal oder Grabmonument für sich selber. Kunstvoll arrangierte er alltägliche, persönliche und kultische Gegenstände und Grabbeigaben wie bunte Halsketten, Kerzen, Bilderrahmen, Obelisken, eine dunkle Stele mit einer goldenen Inschrift die zum ewigen Gebet aufruft oder Bananen als Leibspeise. All dies symbolisierte den Geist des vermeintlich dahingeschiedenen Künstlers, seine spirituelle Identität gewissermaßen. Vielleicht, so suggerierte diese Arbeit, ist Identität letztlich auch nur eine Illusion und damit eine Täuschung?

Zum Herbst wurden erstmalig Arbeiten der aus Irland stammenden und in Brooklyn/New York lebenden Malerin Colette Murphy gezeigt. Unter dem Titel „Gone to Ground“ (nach einer englischen Novelle von George Frederick Underhill aus dem Jahre 1899) präsentierte Murphy Fuchsjad-Szenen, wobei die Malerin das klassische Motiv aus der Genre- und Historienmalerei auf eine äußerst zeitbezogene Art und Weise umgesetzte.
Die Fuchsjagd, einstmals ein fragwürdiger Zeitvertreib und Privileg vor allem des englischen Adels, diente der Malerin nicht wie früher üblich zur Idealisierung der Treib- und Hetzjagd (die in England übrigens erst 2005 verboten wurde), sondern als generelle Metapher für kriegerische Handlungen auch im Anti-Terror-Bereich. Ihre Darstellungsweise, inspiriert u.a. von der Kunst des 19. Jahrhunderts, etwa des romantischen Malers Caspar David Friedrich, oszillierte dabei zwischen Realismus und Surrealismus, ein unterschwelliges Moment von Bedrohung war in den Bildern stets präsent. Sei es in Form beunruhigender Finsternis in der Szene „Bring Me Home“ oder durch sich plötzlich in der Landschaft auftuende Erdlöcher und sich ausbreitende Rauchschwaden verursacht von Feuer wie in „Crossing the Gowanus“. Colette Murphy täuscht somit den Betrachter zunächst durch ihre vermeintlich harmlosen oder gar idyllischen Motive, die sich bei genauerem Hinsehen jedoch als tiefsinnige Metaphern auf aktuelle politische und gesellschaftliche Ereignisse erweisen.

 Am Jahresende nahm die Galerie erstmals und mit großem Publikumszulauf am mittlerweile 4. Europäischen Monat der Fotografie in Berlin teil. Gezeigt wurden als Europapremiere Fotografien von Leonard Nimoy (* 1931 in Boston, USA), vielen bekannt als Schauspieler der Serie „Raumschiff Enterpreis“ in der Rolle des „Mr. Spock“.
Die Ausstellung trug den Titel „The Full Body Project“. Äußerst sensibel konterkarierte Leonard Nimoy nicht nur das schlanke Schönheitsideal von Supermodels, sondern auch die rein kommerzielle Modefotografie an sich. Indem er nackte Körper von vollschlanken Frauen mit viel Temperament und starker Sinnlichkeit ablichtete, enthüllte er im doppelten Sinn des Wortes die Fragwürdigkeit des Genres und seiner diskriminierenden Leitbildfunktion im Hinblick auf die jeweils (im Westen) propagierten „idealen Körpermaße“. Nimoys Frauen nehmen Posen in kompositorischer Nachahmung von bekannten Ikonen der Kunst- und Medienwelt ein, von Duchamps „Akt, eine Treppe herabsteigend“ über Bilder Helmut Newtons bis hin zu dem berühmten Gruppenfoto nackter Supermodels von Herb Ritts.


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