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2012


Die erste Ausstellung im neuen Jahr mit dem Titel „Noises of Utopia“ referiert ein wiederkehrendes Thema in der EMERSON Gallery Berlin: Das Phänomen der Synästhesie, das verschmelzen unterschiedlicher Sinneseindrücke. Hier untersuchte der junge polnische Künstler Mikolaj Polinski, in seiner ersten Ausstellung in der Emerson Gallery den utopischen Aspekt der Ästhetik. Inwieweit kann jede Kunst – vor allem konzeptuelle Kunst – als utopisch angesehen werden? Zusammen mit der japanischen Pianistin Misa Shimomura nutzte Polinski den Galerieraum als experimentelles Labor. Er errichtete eine labyrinthische Konstruktion aus Holz und Metall, die zugleich als gigantisches, phantasmagorisches Musikinstrument fungierte. Das Ergebnis, „Noises of Utopia“, verbindet die Bereiche Musik, Raum und visuelle Kunst, so dass Geräusche sowohl visuell als auch akustisch wahrgenommen werden können. Die Besucher der Galerie waren dazu eingeladen, interaktiv zu agieren, eigene Kompositionen zu erfinden und in der Installation auszuprobieren. Polinski und Shimomuras gewagte Annäherung an solch eine Grenzüberschreitung der Sinneswahrnehmung besitzt einen bestimmten Aspekt, der vielen theoretischen Vorstößen in die Theorie der Synästhesie fehlt: Die Vorstellung vom reinen Geräusch, nicht von Klang oder Musik ist hierbei entscheidend für das Kunsterlebnis. Das Geräusch schafft Raum für ein dionysisches Moment in den zumeist apollinisch angelegten Experimenten der Klangkunst.
Zur Finissage dieser Ausstellung lud die Emerson Gallery Berlin zu  einem  Kinderkonzert und Workshop ein, bei dem die Kleinen aufgefordert wurden die Klanginstallation gemeinsam mit den Künstlern Mikolaj Polinski und Misa Shimomura musikalisch und künstlerisch zu vollenden. Dazu wurden ihnen zunächst einige musikalische Grundlagen spielerisch vermittelt und nach einer kurzen Einführung in ihr Kunstwerk wurden die Kinder animiert sich selbst an der Klanginstallation zu versuchen und neue kleine Kompositionen zu schaffen.


Ab Ende März bespielte der Berliner Künstler Thomas Gentner mit einer neuen Einzelausstellung die EMERSON Gallery Berlin. Der Titel "Interstellar Space" das letzte Album des großen, einflussreichen Saxophonisten "Trane" - John Coltrane (1926 -67)- ist nicht nur Inspiration, sondern zugleich form- und tonangebend für die Malerei von Thomas Gentner (geb. 1963 in Mannheim). Er, der selbst gerne Saxophonist geworden wäre, ließ sich von Coltranes Musik inspirieren. Die grafisch auffällige Typographie erinnert an die Ästhetik der Plattencover in den sechsziger Jahren und kann in diesem Sinn auch als Hommage an die alte Vinyl-Ästhetik gesehen werden. Die afrikanischen Motive sind eine deutliche Referenz an das durch die schwarze Bürgerrechtsbewegung erwachte neue scharze Bewußtsein für die Wurzeln der Afroamerikanischen Kultur des Blues und Jazz. Mit seinem Pinsel spürt Gentner den Improvisationen Coltranes nach. So wie dieser in seinem letzten Meisterwerk die Musik improvisiert und nicht bewusst komponiert hat, so ist auch Gentners Malerei Improvisation. Bei Coltrane bilden sich durch bewusste Vernachlässigung von Takt und schematischen Akkordmustern "sheets of sounds" (Klangflächen) aus, die auf den großformatigen Bildern Gentners als monochrome Klangflächen wiederzufinden sind. Überdeckt mit plakativen Schriftzügen, die Namen von Jazzmusikern formulieren, kommt eine Vielfalt von Farbschichten zum Ausdruck wie Töne, die noch in der Luft liegen, während schon der nächste gespielt wird.


Ab Anfang Juni zeigte Ingrid Göttlicher nach dreijähriger Pause und vielen Reisen verschiedene Arbeiten unterschiedlicher Materialität unter dem Titel ReisePoesie.   Ingrid Göttlicher ist immer unterwegs, da ihrer Auffassung nach das ganze Leben eine Reise ist, deren Stationen auch jahrelange Tätigkeit als Kostümbildnerin und u.a. Assistentin bei Pina Bausch einschließen. Laotse begleitet sie auf ihrer Reise. Jede Station ist ihr wert zum Innehalten und Räsonieren. Denn erst dadurch werden wir uns des ständigen Wandels bewusst. Die Textur als Form und Repräsentation, das Zeichenhafte und Informierende (In-Reihe-Stellen) sind bei ihren Rauminstallationen, den Papier- und Wandarbeiten gleichwertige Parameter.  Sammeln und Archivieren im übertragenen Sinne haben für Göttlichers Arbeitsweise eine wichtige Funktion, denn erst die Übersicht erlaubt es, aus dem Vollen schöpfen zu können. Ihre „Sammlung“ als „Materialhalde“ oder noch bildlicher als „Bergwerk“, aus dem sie Arbeiten zutage fördert, mündet aber nicht in eine überbordende Unübersichtlichkeit, sondern wird höchst konzentriert und strukturiert ausgebreitet. Das Spielerische wie auch die Strenge von Göttlichers Ästhetik bilden zwei Pole einer enorm reizvollen Spannung. Dazu gehört auch das Dekonstruieren und Rearrangieren von Bildern und Selbtsbildnissen. Reduziert und minimalistisch muten viele ihrer Arbeiten an und gewinnen dadurch Tiefe und Leichtigkeit zugleich.


Im August war es wieder soweit, die EMERSON Gallery Berlin veranstaltete zum 7. Mal das SOMMERFEST DER INTERNATIONALEN KUNST. Diesmal unter dem Titel: Italien trifft Berlin.
Barbara Fragogna konzipierte die dreiteilige Ausstellungsreihe des diesjährigen Sommerfestes und begann den Ausstellungsreigen mit einer multimedialen Präsentation ihrer eigenen Arbeiten. Die ganze Galerie bespielte sie mit einer Installation bestehend aus Zeichnung, Malerei und Skulpturen. Fragogna begreift den menschlichen Körper als Reservoir nicht nur für die uns am Leben erhaltenden Organe, sondern auch für alle Gefühle, Erinnerungen und soziale Bindungen. Der Körper repräsentiert für sie sowohl den einzelnen Menschen wie auch für die Gesellschaft im Ganzen. Dementsprechend nutzt sie den Galerieraum als Reservoir für Soziales, Intimes und Politisches. Fragogna gibt ihrer Installation sinnigerweise den Titel: "My Cage Is Your Palace Project".
Der zweite Teil des Sommerfestes wurde mit einer Gruppenausstellung unter dem Titel “Buongiorno/Arrividerci” eröffnet. Werke der  multimedial arbeitenden Künstlergruppe Jennifer Rosa bestehend aus Fiorenzo Zancan, Chiara Bortoli und Andrea Rosset trafen auf die Malerin Greta Bisandola. Anlässlich der Vernissage und am Folgetag fand eine 20-minütige und eine zweistündige Performance statt.
Im September wurde das Sommerfest mit dem Intermezzo 18 fortgesetzt. Bei den Künstlern Penzo+Fiore / Rebecca Agnes / Elisabetta DiMaggio lag der Schwerpunkt auf Sinnlichkeit und Körper. Andrea Penzo und Cristina Fiore untersuchten in Performances und Installationen die Grenzen der menschlichen Wahrnehmung anhand absurder Handlungen. Rebecca Agnes kombinierte filigrane Zeichnungen von natürlichen Vorgängen im kosmischen Raum mit Texten, die spirituelle und philosophische Gedanken transportierten. Elisabetta DiMaggio gestaltete und formte Alltagsgegenstände wie z.B. Papier und Seife zu skultpturalen Objekten, in denen ein Spannungverhältnis zwischen Profanität und Historität eingearbeitet ist. Ohne vordergründig eine gesellschaftspolitische Aktualität bedienen zu wollen, thematisiereen alle im Rahmen des 7. Sommerfestes gezeigten Arbeiten der italienischen Künstlerinnen und Künstler gleichwohl Aspekte der medialen Wahrnehmung von Gesellschaft und Menschsein. Die humanistische Tradition der italienischen Kunst kommt zum Ausdruck und lässt deutlich einen starken Kontrast zur allgegenwärtigen Postmoderne spüren. Während der Vernissage fand die sechste Performance des diesjährigen Sommerfestivals statt.


Die in Berlin lebende koreanische Künstlerin Ae Hee Lee (geb. 1982 in Seoul, Südkorea) bespielte im Oktober mit ihrer ersten Einzelausstellung "Koexistenz" die Räume der EMERSON Gallery Berlin. In eine raumgreifende Landschaft platzierte sie ihre verschiedenfarbigen menschenähnlichen und mit Acryl übermalten Figuren aus Ton.
Auf den ersten Blick wirken die Figuren von Ae Hee Lee trotz unterschiedlicher Farbgebung wie geklonte und androgyne Wesen. Die Farbe sorgt vordergründig für einen Eindruck der Uniformität, der erst durch eine genaue Betrachtung die Differenzierungen in Physiognomien und Körpern entdecken lässt. In diesem Sinne wirkt die Acrylfarbe ähnlich wie ethnische Besonderheiten in Gesichtern sowie die Hautfarbe, die in einem von Rassismus und Xenophobie geprägtem Blick, die Individualität der betrachteten Menschen gar nicht erkennen lässt.
Bei Ae Hee Lee entspricht die Farbgebung ihrer sehr persönlichen Zuordnung. Auf die Installation herabblickend waren figürlich gestaltete, aus Wachs geformte Schutzengel an zwei Wänden angebracht. So entstand ein eindrucksvolles Bild, das einerseits auf die autobiografisch inspirierte Typologie der Künstlerin verweist und andererseits über Individualität und uniformierenden Blick in unserer westlich geprägten Welt nachdenken lässt. Bedenkt man den Titel der Installation "Koexistenz", so kann sie auch als Appell für ein gleichberechtigtes und hierarchiefreies Nebeneinander (und Miteinander) unterschiedlicher Menschen und Ethnien gelesen werden.


Zum Abschluß des Jahres präsentierte die EMERSON Gallery Berlin fünf Künstlerinnen und Künstler aus drei Ländern mit Fotografie, Konzeptkunst und Malerei. Inge Mahn, Antje Neppach, Pawel Polus, Lorant Szathmary und Frank Tornow stellten ihre Werke unter den Titel „Ankunft II“. Bereits 2005 zeigte die Galerie eine Jahresendausstellung unter dem Motto „Ankunft“, eine Aussage, die auch immer eine Zäsur bedeutet. Die hoffnungsvolle oder auch angsterfüllte Ausschau auf das, was da kommen wird, kann mit freudigen Erwartungen einerseits oder mit Befürchtungen andererseits verbunden sein. Ankunft kann aber auch als christliches Motiv gelesen werden, wie wir es 2005 formulierten: Das Wort „Ankunft“, vom lateinischen „adventus, Advent“, markiert den Beginn des christlichen Jahreskreises mit der Vorbereitung auf Weihnachten, auf das Fest der Geburt Christi. Ursprünglich entsprach der Begriff „Advent“ dem griechischen Wort „epiphaneia“ (Erscheinung, Offenbarung) und bezog sich auf die Ankunft der Gottheit im Tempel oder den Besuch der Könige.
Die analogen Fotografien des in Rumänien geborenen und seit langem in Berlin lebenden Lorant Szathmary mit nächtlich illuminierten aber menschenleeren Szenen wirken malerisch und rätselhaft zugleich. Das Licht wird auch in der gezeigten Arbeit der einflussreichen und seit Jahrzehnten in Berlin wirkenden Konzeptkünstlerin Inge Mahn eine entscheidende Rolle spielen. Der junge polnische Konzeptkünstler Pawel Polus fügt der Ausstellung Arbeiten mit intellektuellem Witz hinzu, und zeigt Schlösser und Schlüssel, die uns absurder Weise keinen Zugang zu Antworten gewähren, sondern neue Fragen aufwerfen. Die Malerei wird von den beiden ebenfalls in Berlin lebenden deutschen Künstlern Antje Neppach und Frank Tornow vertreten. Neppach widmet sich den Körpern von Vögeln in ihrem eigen Malgestus mit dickem Farbauftrag, während Tornow sich mit dem Ritus des Malens beschäftigt und tradierte Motive in einen neuen Kontext stellt.




 

 

 

 

 

 




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Last update:  01.02.13 09:28
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